Das Unglück anderer Leute

Kürzlich stand zur Debatte, einen Nebenjob in einer kleinen, feinen Buchhandlung annehmen zu können. Das ist seit meiner Kindheit ein Traum: eine Buchhandlung, den ganzen Tag zusammen mit bunten Büchern, in Kochbüchern und Bildbändern stöbern, Kunden mit meinen hervorragenden Buchtipps beglücken, zwischendurch ein Tässchen Tee und ein paar Seiten im Lieblingsbuch lesen… So habe ich mir das vorgestellt.

Die Realität ist nicht ganz so romantisch, denn die meisten Kunden wissen schon, was sie (bestellen) wollen, die Kinderbücher meiner Kindheit werden nicht mehr gelesen und Tee getrunken oder in in spannenden Titeln gelesen habe ich auch nicht. Trotzdem hat es großen Spaß gemacht – leider geht es mit dem Nebenjob nun erstmal doch nicht weiter.

Was ich nicht wusste oder worüber ich nie nachgedacht habe, ist, dass Buchhändler natürlich Probeexemplare bekommen und diese im besten Fall auch lesen. So werden die Probeexemplare in dieser Buchhandlung also von den Mitarbeiterinnen nacheinander und nach und nach gelesen. Und dabei durfte ich während meiner wenigen Einsätze mitmachen!

Auf dieses beeindruckende Erstlingswerk von der blutjungen Nele Pollatschek bin ich wahrscheinlich nur durch den Leseexemplar-Bücherzirkel gestoßen, obwohl es, wie ich im Nachhinein gesehen habe, schon sehr gelobt wurde.

pollatschek-das-ungluck-anderer-leute

Die 25jährige Protagonistin Thene, die wohl im gleichen Alter wie die Autorin ist, studiert in Oxford, lebt mit ihrem Freund in Heidelberg und führt im großen und ganzen ein eher biederes und beschauliches Leben. Ganz im Gegensatz zu Ihren Eltern. Die Mutter ist Punk, furchtbar egoman, rettet die ganze Welt, die Kinder bleiben aber auf der Strecke. Der Vater hat sich nach der Trennung von der Mutter geoutet und lebt nun mit einem Mann zusammen in Berlin. Der jüngere Bruder, natürlich von einem anderen, inzwischen jüdisch-orthodoxen, Vater ist talentierter Magier.
Zu Thenes Abschluss in Oxford trifft sich die ganze verrückte Familie dort und das Chaos bricht aus.

Diese irre Geschichte wird in einem teils atemberaubenden Tempo erzählt, die Erzählweise ist klar und analytisch, trotzdem phantasievoll. Eine traurige, lustige, nachdenkliche Familiengeschichte. Manchmal habe ich zwischendurch gedacht: Na gut, sie ist erst 25. Sowohl die Protagonistin als auch die Autorin. Wo soll das denn nur alles hinführen? Jetzt übertreibt sie.

Und wie will sie denn jetzt noch die Kurve kriegen?
Hat sie! Und wie!

Wie Ihr merkt: Ich bin begeistert – klare Leseempfehlung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.